LESEPROBE - Als der See den Sänger Sturmfels holte - Seite 3Tegernseer Tal - Heft 159 - Ausgabe 2014/I

Und dann, der letzte Weg des Sängers, in dramaturgischer Freiheit geschildert, denn Sturmfels befand sich ja bereits bei Slezak am Egerner Ufer:

»Die lieblichen Weisen sind verklungen, der Platz leer. Die Mimen verabschieden sich; Neid und Intrigue, diese liebliche Seelenregungen des Künstlervölkleins, scheinen in keinem Herzen zu grollen. Sind ja Ferien! Entrückt sind sie der Rampe – dem Acker des Stolzes und der Leidenschaft. Der Geist ruht – die Seele atmet Freiheit. – Adieu Fritzl! heut Abend auf Wiedersehen! Im Bräustübl! – oder Sommerkeller – oder – oder – oder? – na egal! Fritzl grüßt links und rechts, lacht und eilt davon! Durch den Ort… Hinter ihm her schleicht der Knochenmann, höhnisch grinsend – beutesicher! Die Sonne blickt wässerig hernieder; stechend – bleich; – und hinter ihr kreucht einem schwarzen Ungeheuer gleich eine Wetterwand herauf. Der See liegt ruhig wie fließend Blei. – Ein Segelboot gleitet durch die Wasser; in demselben ahnungslos armselige Menschenkinder! Auf dem Mastbaum sitzt Mors der Lebens­steuer­mann. – Pfauchend rast der Sturm über den See. Der Allbezwinger gleitet langsam herunter, legt seine Hand auf einen der Insassen des schwankenden Schiffleins: – Fritzl. Gischtbesäumte Wogen schlagen über dem Fahrzeug zusammen, es sinkt – und mit ihm hat ein Menschenleben den letzten Seufzer getan. Der Sturm lässt nach; – er ist zufrieden mit seiner Beute. Adieu Fritzl! Im Bräustübl auf Wiedersehen, gelt? – oder? Im Sterbehaus! – Du Guter – Du Lieber! Das Unfaßbare ist nicht zu fassen… Der liebe Mund ist auf ewig verstummt! Adieu Fritzl! In Blumen gebettet, von vielen beschaut – bewundert liegst Du da – wie auf der Bühne… Deine Züge sind nicht verzerrt! – nicht zürnend – nicht grollend – nein! Lieb wie immer, selbst im Tode noch. – Armer, lieber, glücklicher Fritzl!«

Der Malerwinkel in Rottach-Egern

Der überlebende Kammersänger Leo Slezak muss sich gegen Vorwürfe wehren, er habe Unwetterwarnungen missachtet und seine Freunde (und sich) in einem desolaten Segelschiff tödlichen Risiken ausgesetzt. In einem langen Brief an die »Seegeist«-Redaktion versichert Slezak, ihm sei in Starnberg der »Sturmvogel« als vollkommen sicheres Segelboot – kein Kentern, unsinkbar – verkauft worden. Und er schreibt: »Ich war von der Sicherheit meines Bootes derart durchdrungen, daß ich meine Kinder, die des Schwimmens noch unkundig und mir gewiß lieb und wert sind und meine Frau, die wohl für mich alles einschließt, was ein Mensch auf dieser Welt lieb hat, ruhig in das Boot mitgenommen habe.«

Zusammengestellt von Michael Heim, aus »Seegeist«-Band 1913, TT-Ausgabe 1959/II und Recherchen Hubertus Thoma

Trauma und Nachhall

Wie sehr die Sturmfels-Tragödie vom 7. August Leo Slezak in seinem Innersten belastet hat, verraten Aufzeichnungen, die Biograph Hubertus Thoma in Slezaks Nachlass im Österreichischen Theatermuseum gefunden hat. So heißt es beispielsweise: Auch wenn Slezak bei seinem ersten Auftritt in der neuen Spielzeit im Kurhaus Baden »stürmischen Beifall und erneuten Vergleich mit Caruso provoziert, so scheint das Bootsunglück doch nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein.« Vor Journalisten in Berlin spricht er über Einzelheiten und traumatische Nachwirkungen: Den Segelsport habe er »natürlich für immer aufgegeben und ich bringe es auch nicht mehr fertig, im Tegernsee zu baden. Als ich es bald nach dem Unglück einmal versuchte, befiel mich ein so entsetzliches Grauen, dass ich sofort dem See entfliehen musste«.
Noch Mitte Oktober 1913 beobachtet das Wiener Montagsjournal, »daß Slezaks Gemüt noch immer offenkundig unter der vom Unglücksfall… erlittenen Depression leidet; der humorbegabte Kammersänger erscheint in diesem Belang jetzt indisponiert.« Auch bei Schallplattenaufnahmen und ersten Opernauftritten an Stadttheatern wie Wiesbaden oder Frankfurt vermitteln »manche erkennbaren Intonationsschwankungen einen Nachhall des Unfalls«. Zur Person von Hubertus Thoma: Geboren 1958 in München; Studium der Rechtswissenschaft und Romanistik; verheiratet; seit 1986 tätig für das Auswärtige Amt, derzeit an der Deutschen Botschaft in Nicaragua. Seine Ausführungen über Slezak und die Sturmfels-Tragödie sind Teil einer in Arbeit befindlichen Slezak-Biographie, die auch noch weitere Einsicht in die private Korrespondenz des Künstlers erfordert (vor allem in jenen Teil, der nicht im Buch von Sohn Walter Slezak, »Mein lieber Bub« bereits veröffentlicht ist).
Wer Such-Hinweise geben kann: Kontakte mit dem Autor würde die Redaktion jederzeit vermitteln.

Begegnungen
Wasserfläche mit Ufer

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Titelseite des Tegernseer Tal Heftes Nr. 159