Max Slevogt, Bildnis der Tänzerin Marietta di Rigardo, 1904,
Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Bei Thoma schlug quasi der Blitz ein. Der 38-jährige Bayer schwärmte von Marietta als „einer exotischen Blüte von seltener Pracht“. Die Tänzerin war geschmeichelt. Zwei Monate später, beim Geburtstagsfest von Ludwig Ganghofer beim Sixtn-Bauern in Finsterwald am Tegernsee, trafen sie sich wieder. Thoma machte ihr einen Heiratsantrag, den sie annahm – allerdings mit der Bitte um Geduld. Irgendwie musste sie ihren Ehemann noch informieren.
Marion unterschätzte Thomas Ungeduld. Er feierte in der Redaktion des „Simplicissimus“ seinen Junggesellenabschied und trieb die Scheidung voran. Dafür zahlte er Marions Ehemann Georg David Schulz 16.000 Mark „Ablösesumme“. Das damalige Scheidungsrecht beruhte auf einem Schuldprinzip, und offenbar übernahm Schulz die Verantwortung. Ob Marion von diesem Handel wusste, bleibt bis heute unklar. Thoma, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, war jedenfalls beglückt. „Summa, ich bin glücklich“, schrieb er an seinen Freund Ignaz Taschner. Karl Germann, Marions Vater, gratulierte zur Hochzeit und schickte eine Kiste Zigarren, nachdem er Thomas Lausbuben-Geschichten gelesen hatte.
Mit der Heirat 1907 änderte sich für Marietta de Rigardo alles. Dazu zählte auch ihr Vorname: Thoma nannte sie fortan „Marion“. Der „zu tieferem Klang“ gewandelte Name sollte Ausdruck einer emotionalen und sozialen Neuorientierung sein und Distanz zu ihrer Vergangenheit als Kabaretttänzerin schaffen. Aus einem Briefwechsel mit Ludwig Ganghofer geht die Begründung hervor: Der neue Name entsprach Thomas Ideal einer „anständigen“, „bürgerlichen“ Ehefrau – so, wie es die bayerische Gesellschaft und vor allem er selbst erwarteten.