Tegernseer Tal Verlag
 
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Kultur
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Blick auf Fürstenhaus in Pertisau mit Achensee im Hintergrund
Am »Einlass« zum Karwendel: Das Fürstenhaus in Pertisau

Für sein europäisches Salonlesepublikum hat der Reiseschrifttsteller Heinrich Noë 1865 in seinem »Bairischen Seebuch« festgehalten, wie er sich von Pertisau aus dann im Schnee durch das Gerntal zum 1.630 Meter hoch gelegenen Plumsjoch zwischen Montscheinspitz* und Bettlerkarspitz hinaufschindet, über Lawinenkegel und mitunter auf eisig-verglasten Steigen; einmal stürzt der Hund (»trotz seiner spitzen Krallen«) einige hundert Fuß über einen Steilhang ab, bleibt in einer Legföhre hängen und muss von Noë wieder hinaufgetragen werden. Dann steht er, schon im schwindenden Licht, auf der Passhöhe, blickt hinab in das Engtal und den Großen Ahornboden und hinüber zum Gamsjoch, zum Risser Falk, Laliderer Falk und Totenfalk. Er hat den Abstieg in die Eng vor Augen, glaubt es geschafft zu haben, spürt nicht, dass seine Füße zu erfrieren beginnen, und ignoriert das Marterl eines toten Bergsteigers, das ihn zur Umkehr nach Pertisau hätte mahnen können. Er fürchtet – »schon steigt die Dunkelheit über die erstarrte Welt hinauf« – den Rückweg über die vereisten Osthänge und schreibt später: »Also vorwärts! Nun ging es auf der anderen Seite bergab. Aber bald machte ich zu meiner Bestürzung die Entdeckung, dass hier, auf der Westseite des Gebirgs rückens, der Schnee in viel gewaltigeren Mengen angeweht war, als drüben. Es war trockener Schnee, keine feuchte Flockenschicht, sondern eine unermeßliche Anhäufung von Rhomboedern und Nadeln vom reinsten Eis. Wenn man hineinstürzt, raschelt es, als ob man auf einen Strohsack fiele.«

Und dann beginnt es, das talwärts Stürzen und Sinken mit jedem Schritt, er fällt in Bachläufe, verliert die Orientierung, Verwirrung setzt ein, »das Rauschen der Wasser in den Felsklammern kam bald näher, bald verhallte es wieder in frostiger Luft, ich sah nichts mehr« – doch dann steht er nach Stunden im Talgrund vor einer Alm, der »Hagelhütte«, glaubt aber ihm aufkommenden Wahn, er könne noch die drei Wegstunden bis zum Gasthaus in Hinterriß schaffen. Wieder unterschätzt er die Schneehöhen, die Verwehungen auf dem Forststräßlein… »die Füße gehorchten nicht mehr, im Kopf wurde es mir blöd und wirr, ich sank hin, ich konnte nicht mehr.« Dann schreckt er wieder hoch, geweckt durch einen seltsamen Lichtschimmer, über dem Falkenkar ist der Mond aufgegangen und er sieht die Umrisse einer Hütte, in die er sich hineinschleppt – es ist das »Garberl«, eine dem Herzog von Coburg gehörige Alm.

Noë hat noch Zündhölzer bei sich, auf der Suche nach Brennvorräten in der dunklen Hütte hätte er »Tausend Pfund-Noten der Bank von England in Stößen verbrannt, wenn ich sie zur Hand gehabt hätte«, er findet Heu, dann verschneite Holzscheiter, mit denen er trotzdem Feuer machen kann, bittet in Gedanken die Königliche Hoheit zu Coburg um Verzeihung für den Holzfrevel, zieht seine Schuhe von den erstarrten Füßen und verfällt vor dem Feuer in einen halluzinatorischen Traum, dessen Schilderung man wohl zu den kleinen Kostbarkeiten der alpinen Literatur zählen darf. Noë fühlt sich dem Geist der Alpen nahe, der über ihm thront, unbeweglich und doch seine schützende Hand über ihn haltend: »Während er mir mit der Stimme seiner Wasser von einer Kraft erzählte, deren Unermesslichkeit wenige Sterbliche ahnen, ängstigte mich wieder das Schweigen seiner Einöden. Dann berührte er, wie jener Derwisch des Morgenlandes den Pilger, meine blöden Augen und ich sah in seine ungeschauten Hallen. Da flimmerte und zuckte es von ewigen Krystallen; unter dem Boden der dröhnenden Säle wirbelten überall smaragdene Wasser. Säulen und Arabesken, wie sie das Gehirn keines Künstlers zu ersinnen vermochte, stützten die unvernichtbaren Gewölbe. Am Throne blendete das Eis im Sonnenbrand und lasur - farbene Strahlenbündel zuckten wie Nordlichter in den blutfarbenen Morgenäther. Manchmal rasten stäubende Wasserstürze und neigten Berge sich sonnenverlangend gegen den Thron, daß unendliche Lawinen in den bodenlosen Abgrund jagten. Und wieder hob er den silbernen Scepter … und dem Wanderer wurde ein schützend Obdach.«

Die Gaberl-Alm
Für Noë wie eine Fata Morgana: Die Garberl-Alm

Und dann bricht eine Stimme in seinen Traum ein: »Um Gotteswillen, was machen Sie da?« Es ist der k.k. Finanzpostenführer Azzolini, also ein Zöllner, der den Feuerschein bemerkt hatte, wenn Noë die Hüttentür öffnete, um Holz zu holen. Noë verdankt diesem Zufall wohl sein Leben, denn Azzolini läuft durch die Frostnacht hinunter nach Hinterriß, und kommt ein paar Stunden später mit dem herzoglichen Forstwart und dessen Söhnen zurück. Die Männer ziehen Noë auf einem kleinen Schlitten über Eispfade in ihr Vaterhaus, wo sie Noë’s Erfrierungen behandeln können – »denn jene Kinder der Stürme und des Bergwinters sind mit den Mitteln bewandert, welche solche Verwundungen sofort erheischen… So wurde die schreckliche Gefahr, welche aus Vernachläßigung oder Ungeschicklichkeit entspringen konnte, glücklich vereitelt«.

Aus Noë, »Bairisches Seebuch«,
zusammengestellt von Michael Heim (†)


 * Die »Montscheinspitz« hieß ursprünglich Mantschen, das ist wie Rofan, Laliderer, Juifen oder Kompar ein Bergname aus der alpinen
Vor- und Frühgeschichte

 

 
Auch die Begegnung Noës mit dem k.k. Finanzpostenführer Azzolini, fast am Ende der Welt, ist ein kleines Zeitzeugnis, und zwar völkerrechtlicher Natur: Das Engtal durchzieht von Süden nach Norden den bayerischen Voralpenraum, es gehört aber zu Österreich- Ungarn, auch wenn es für die Tiroler Nachbarn nur von Norden her – vom bayerischen Vorderriß im Isartal zugänglich ist. Und selbst in dieser Einöde, in diesem gottvergessenenen Winkel, aus dem einzig und allein ein hochalpiner Steig über das Lamsenjoch nach Tirol führen würde, achtete im fernen Wien die aus der »Gefällenwache« hervorgegangene k.k. Finanzwache aller Kronländer der Monarchie des Hauses Österreich, darauf, dass hier kein Schmuggler, mit Tabak, Kaffee oder dem gefragten Schwärzergut Saccharin auf der Kraxe über den Berg kam.

 

Nachtrag: Noë kehrt nach seiner Gesundung noch einmal nach Achenkirch zurück und wandert dann über den Achenpass weiter in den Kurort Wildbad Kreuth. Dabei spielt er schon wieder mit dem Gedanken, vielleicht bei nächster Gelegenheit die Abkürzung aus dem Achental über den Schildenstein in den Blaubergen nach Wildbad Kreuth zu nehmen. Bei seinen Rettern in der Hinterriß bedankt er sich in seinem Buch mit den Worten: »Es scheint, man muß in die Wüsten gehen, um solche Hände drücken zu können.«

 

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