Leseprobe zu
Heft 181
 
Geschichte
Seite   <   1   2

Martin Berger vor dem Hirschrelief, das er an der steilen Felswand am Zeiselbach geschaffen hatte. Er ließ davon auch Postkarten drucken, die er unterschrieb und – wenn möglich – an Sommerfrischler oder Kurgäste verkaufte.

Hirschrelief
Martin Berger vor dem Hirschrelief
Martin Bergers Häftlingskarte aus dem Konzentrationslager Dachau
Martin Bergers Häftlingskarte aus dem Konzentrationslager Dachau, wie sie bis heute im Arolsen-Archiv erhalten ist. Auf ihr sind sowohl persönliche Daten als auch Spezialvermerke zu lesen. Daraus geht u.a. hervor, dass Martin Berger Kommandantur-Arrest zu verbüßen hatte, was als Sonderbestrafung galt. Im September 1939 wurde er in das Konzentrationslager Mauthausen verlegt, im Februar 1940 wieder nach Dachau überführt, wo er zwei Wochen später verstarb.

 

Das Bezirksamt ließ sich mit seiner Entscheidung zum Fall Berger Zeit. Anfang Dezember 1935 verfasste nun der 1. Bürgermeister der Gemeinde ein weiteres Schreiben: „Vor 4 Wochen habe ich beantragt, den Martin Berger entweder bei einer Zwangsarbeit oder in einer Heilanstalt unterzubringen. Berger faulenzt auch heute noch in gleicher Weise umeinander, ohne auch nur einen Finger zu rühren, um seiner Familie den Lebensunterhalt zu verschaffen. Teilen sie mir bitte mit, was inzwischen in der Sache Berger geschehen konnte.“ Zehn Tage später folgte ein weiteres Schreiben an das Bezirksamt, in welchem detaillierter auf die Verfehlungen des Martin Berger eingegangen wurde. „Berger betätigt sich nun im Verfassen von Schmähschriften über die nationalsozialistischen Amtswalter; auch scheut er die Beschmutzung des Führers nicht (…) Berger gibt sich in diesen Schmähbriefen als die bedrängte Volksseele (…) Es wäre also schon während dem Aufenthalt des Berger in Dachau Vorsorge für seine dauernde weitere Verwahrung zu treffen…“

Am 21. Dezember 1935 führten die Bemühungen des Bürgermeisters schließlich zum Ziel. Das Bezirksamt Miesbach verfügte die Einweisung des Martin Berger in das Konzentrationslager Dachau – vorerst für die Dauer von sechs Monaten. Als Begründung wurde Arbeitsscheue angegeben. Zwei Tage später wurde Martin Berger nach Dachau deportiert.

Bereits im Mai des folgenden Jahres stellte Bad Wiessees Bürgermeister einen weiteren Antrag beim Bezirksamt Miesbach auf Verlängerung der Unterbringungszeit Bergers, da der bisherige Aufenthalt „auf seine Einstellung ohne jeden Einfluss gewesen sei“. Dem Antrag wurde stattgegeben – Martin Berger musste für weitere sechs Monate in Dachau bleiben. Unterdessen wurden die Anschuldigungen gegen ihn immer umfangreicher. Für Verrücktheiten und unsittliches Benehmen wurden Zeugen herangezogen. Bergers Ehefrau reichte die Scheidung ein.

Währenddessen versuchten Bergers Geschwister, ihrem Bruder zu helfen und seine Freilassung zu erwirken. Dafür erbaten sie (ausgerechnet) auch die Hilfe des Wiesseer Bürgermeisters, was aus Briefen der Leni Baudrexl aus Schongau, einer Schwester Bergers, hervorgeht. Aus Bad Wiessee kam jedoch die Nachricht, man wolle Berger nicht mehr in der Gemeinde haben, da sich sein Verhalten nicht bessere. Ein Schreiben der Kommandantur des Konzentrationslagers Dachau bestätigte dies, weshalb eine „Überführung in Schutzhaft gestellt werden musste“. Martin Berger war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr in Dachau.

Die Akten aus dem Archiv der Gemeinde Bad Wiessee weisen nun eine Lücke auf und setzen sich erst wieder im November 1938 fort, dem dritten Jahr von Bergers Inhaftierung. Leni Baudrexl schrieb im November 1938 erneut an den Bürgermeister von Bad Wiessee mit der Bitte, dieser möge doch Fürsprache für die Entlassung des Bruders leisten. Dieser tat aber genau das Gegenteil und schrieb seinerseits an die Dachauer Lagerkommandantur, dass man Martin Berger nicht entlassen und er zudem nicht nach Bad Wiessee zurückkehren dürfe. Damit endet die chronologische Reihe der Berger- Unterlagen, die sich bis heute im Gemeinde-Archiv erhalten haben.

Weitere Akten zu Martin Berger gibt es im Arolsen-Archiv, dem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung, welches die Unterlagen zu Opfern des Nationalsozialismus verwaltet. Aus diesen geht unter anderem hervor, dass Martin Berger zu Beginn seiner Inhaftierung in Dachau speziellem Kommandantur-Arrest unterzogen wurde und im September 1939 ins KZ Mauthausen überführt wurde. Damit verschlechterten sich seine Lebensumstände weiter, galt Mauthausen doch als Konzentrationslager mit den härtesten Haftbedingungen und der höchsten Todesrate unter den Häftlingen. Im Februar 1940 wurde Martin Berger nach Dachau zurückverlegt, wo er zwei Wochen später, am 7. März 1940 nach über vier Jahren Haft verstarb – offiziell an akuter Herzschwäche. Er kehrt nie wieder nach Bad Wiessee zurück und das Einzige, was heute noch an ihn erinnert, sind die drei Felsenbilder oben am Zeiselbach.

Nachtrag: Gut vier Jahre später wurde der 1. Bürgermeister von Bad Wiessee selbst inhaftiert. Auf Befehl des SS-Reichsführers Heinrich Himmler wurde er in das Konzentrationslager Dachau verbracht und danach ins KZ Flossenbürg überführt, wo er bei Kriegsende ums Leben kam.

Isabel Miecke-Meyer
Fotos und Bildmaterial: Thomas Plettenberg, Gemeindearchiv Bad Wiessee, Arolsen-Archiv

Hinweistafel im Zeiselbachtal unter der Felswand mit dem Relief von Paul von Hindenburg

 

Seite   <   1   2