Tegernseer Tal Verlag
 
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Zeitgeschehen
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Mega-Metropole München und das Tal

Krake ante portas

Atlantis suchen, nach Karl dem Großen im Untersberg, nach dem Stein der Weisen… oder gleich nach den »Altrechten«, auf die sich die Stadt München zur unbegrenzten Wasserentnahme aus dem Mangfalltal beruft. Der neuerliche Anspruch Münchens auf Ausweitung von Wasserschutzzonen rührt an den Lebensnerv aller Gemeinden, die im Wassereinzugsgebiet von Mangfall und Schlierach liegen – und hier vor allem das Tegernseer Tal mit den großen Zuflüssen Weißach und Rottach aus dem Mangfallgebirge. Aus der Sicht Münchens, dieser hemmungslos expandierenden Mega-Metropole, wäre der Tegernsee letztlich nur ein Durchlaufbecken mit Mangfall- Anschluss zur Wasserentnahme durch die Stadtwerke. Aber auch anderen Landkreisgemeinden droht das Schicksal, zu Reservaten von Münchens Gnaden zu werden. Denn »Wasserschutzzone« bedeutet: Kein neues Bauland ausweisen, Gewerbegebiete ohnehin tabu, Landwirtschaft nur eingeschränkt möglich. Doch nun ist ein kleines Wunder in Sicht, eine Wende in Sachen »Altrechte«.

Karte mit bestehenden und geplanten Wasserschutzgebieten im Mangfalltal und Schlierachtal

Anmerkungen zum Werdegang der Krake

Die Ortschaften Gotzing und Thalham finden sich per Namen noch auf Landkarten, in der Realität wurden beide Dörfer schon vor etwa hundert Jahren von der Stadt München – nach Aufkauf von Höfen und Feldern – abgerissen und eingeebnet, einige wenige Anwesen ausgenommen.

Künftig sollen drei Zonen das Trinkwasser aus dem »abgesiedelten « Mangfalltal schützen: Die orangefarbene Zone, das ursprüngliche Schutzgebiet, umfasst das unmittelbare Umfeld der Brunnen. Die gelbe Zone wird begrenzt von der »50-Tage-Linie«: Von hier braucht das Grundwasser 50 Tage zu den Brunnen – in dieser Zeit werden Krankheitserreger vollständig abgebaut. Die dritte, grüne Zone soll Schwermetalle und Schadstoffe aus dem Brunnen-Einzugsbereich fernhalten. (Grafik: SWM)

Die »Altrechte« Münchens aus dem 19. Jahrhundert zur Ableitung von Mangfallwasser darf man getrost in drei Kategorien unterteilen:

Erstens, entsprechende Aufzeichnungen, Niederschriften, Dokumentationen etc. sind unauffindbar, es ist in der Öffentlichkeit jedenfalls kein archivalischer Nachweis bekannt.

Zweitens, wenn es sie gäbe, wären sie aus Interessenlage Münchens heraus möglicherweise nicht vorzeigbar, weil abgelaufen oder anderweitig überholt.

Oder, es hat sie, drittens, nie gegeben.

Daraus ergibt sich wiederum folgende groteske Situation: Wenn der Miesbacher Landrat Wolfgang Rzehak (Grüne) auf Drängen der Stadt München und der Regierung von Oberbayern die neuerlich vorgelegten Pläne Münchens zur Ausweitung der Wasserschutzzonen unterschreibt, würde er auch die bis dato fiktiven »Altrechte « anerkennen und im »Wasserkrieg München gegen Oberland« der Landeshauptstadt auch noch zu einer formellen Rechtsbasis verhelfen. Bis zur Stunde läuft es ja nur nach dem »Recht des Stärkeren«: Die Millionenstadt München mit einem milliardenschweren Immobilienmarkt im Hintergrund berennt einen kleinen Landkreis:

Sie braucht mehr Wasser, um ihr in Deutschland beispielslosen Wachstum fortsetzen zu können. Keine andere Metropol-Region expandiert so ungebremst und so aggressiv gegenüber dem Umland wie München, als Beispiel hier nur das Stichwort »Freiham«: Im Westen von München wird ein kompletter Stadtteil aus dem Boden gestampft, einfach aus dem Ackerland heraus, mit Wohnraum für 20 000 Menschen; bis zum Jahr 2030 erwartet München nach übereinstimmenden Prognosen 230 000 Neubürger, die Einwohnerzahl läge dann bei 1,722 Millionen. Im Jahr 1883, als der große Arzt und Hygieniker Max von Pettenkofer nach einer Cholera-Epidemie den Grundstein für die Versorgung Münchens mit sauberem Wasser aus dem Mangfalltal legte, zählte die Residenzstadt 250 000 Bürger – der Wasserbedarf Münchens wird sich also, schon vom Pro-Kopfbedarf her, überschlägig versechsfachen, ohne dass die Vorhersehung dem Oberland eine wundersame Wasservermehrung beschert hätte.

Wenn München nun, wie eine Krake, mit seinen Wasserschutzzonen immer weiter nach Süden drängt, dann bedeutet dies für das Talgemeinden zunächst einmal: Der Abstand zwischen ihrer gemeinsamen Kläranlage bei Louisenthal im Mangfalltal und der Schutzzone mit all ihren Reglementierungen schrumpft, damit verkürzt sich auch der »freie Vorfluter Mangfall«, in dem verbliebene Schadstoffe biochemisch abgebaut werden. Irgendwann kann die Kläranlage ihre Reinigungs-Kriterien nicht mehr einhalten und dann wäre die Stunde für ein Horror-Szenario gekommen, das jetzt schon in einigen Köpfen herumspukt: Die Landeshauptstadt München beruft sich auf den Bedarf ihrer Bürger und auf den Grundsatz »Wasser ist Menschenrecht«, fängt die Abwasser aus dem Tal vor Louisenthal ab und leitet sie durch einen Stollen direkt zu städtischen Kläranlagen im Norden Münchens ab. Es gäbe dann makellose Schutzzonen – und die Talgemeinden wären in ihrer weiteren Entwicklung auf Gedeih und Verderben vom Ermessen Münchner Rathausstrategen abhängig.

Blick in den Sammelschacht der Reisacher Grundwasserfassung

Sammelschacht in Reisach, von wo aus das Wasser in neuen Rohrleitungen seinen Weg nach München nimmt. Auf dem Bild links zeigt sich, dass die alten Rohre (am Wiesenrand) gegen Rohre mit größerem Volumen ausgetauscht werden, die Krake dürstet...

(Fotos: M. Heim)

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