Heimat und Brauchtum

Kümmernis in Festenbach – oder: Wie der Volksglaube Gottes Sohn in eine leidgeprüfte Jungfrau umdeutete.

Mann im Kleid? Dann lieber Frau mit Bart!

Bildnis der Kümmernis in Festenbach
 

 

 

 

Die „heilige Kümmernis“ dürften auch regelmäßige Kirchgänger kaum kennen. Und den Gmundern wird auch kaum bewusst sein, dass deren Verehrung gerade in ihrer Pfarrei einst präsent war. Bei uns können Sie jetzt eintauchen – in eine höchst seltsame Heiligengeschichte mit Überraschungseffekt.

 

Am 18. November 2021 wurde in der Kapelle beim Schusterbauernhof in Festenbach (die man meist vom jährlichen Leonhardiritt her kennt) ein seltenes Bild wieder aufgehängt, nachdem es in den Werkstätten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege restauriert worden war. Denn stellenweise war die Farbe von der Eisenplatte, auf die es gemalt ist, abgeblättert. Die Inschrift auf dem (deutlich jüngeren) Holzrahmen besagt, „Walthauser“ (d.h. Balthasar) Gschwandner habe es 1622 malen und der Schusterbauer Joseph Eckensberger 1913 zuletzt renovieren lassen.

Detailansicht

Ein Blick ins Detail zeigt die vom Rost abgesprengten Farbpartikel. Restauratoren festigten die Malschicht und schlossen Fehlstellen so weit, dass die Darstellung wieder besser erkennbar ist. Ein Schutzüberzug soll eine weitere Korrosion verlangsamen. Das Restaurierungsziel war es nicht, das Bild wieder wie neu aussehen zu lassen.

 

 

Ohne zusätzlichen Text ist die Darstellung schwer zu entschlüsseln: In einem Kirchenraum hängt am Kreuz über dem Altar eine gekrönte Gestalt mit Vollbart und langem Haar, gekleidet in ein langes Gewand. Rechts sitzt in einer Art Kirchenbank ein königliches Paar; der König weist mit seiner Rechten zum Kreuz. Links kniet ein Spielmann mit Geige, zu dem ein Schuh der gekreuzigten Person herabfällt. Wechselt man innerhalb der Pfarrei Gmund in die Filialkirche Georgenried, findet man (im Altarraum rechts) eine sehr ähnliche Darstellung, nur diesmal unter freiem Himmel angesiedelt. Hier hat die Gestalt am Kreuz einen Namen: „S. Kkümernus, die war eines haidischen Khönigs Tochter …“. So beginnt die längere erklärende Beischrift.

In Kurzfassung lautet die Geschichte: Die Königstochter Kümmernis oder Wilgefortis (von lateinisch „virgo fortis“: starke Jungfrau) hatte Christus zu ihrem Bräutigam erwählt. Doch ihr Vater wollte sie mit einem heidnischen Prinzen verheiraten. Da bat sie Gott, sie so hässlich zu machen, dass jeder Bewerber abgeschreckt wird. Darauf wuchs ihr ein Vollbart. Der erzürnte Vater ließ seine Tochter kreuzigen. Einem armen Musikanten, der vor dem Kreuz spielte, warf sie zum Dank ihren goldenen Schuh zu. – Unter vielen Heiligenlegenden des Mittelalters ist das sicher eine der seltsamsten! Jahrhunderte später fühlt man sich unwillkürlich an „Conchita Wurst“ erinnert, den/die österreichische/n Sänger/in mit Vollbart, langem Haar und Abendkleid, der/die 2014 spektakulär den „Eurovision Song Contest“ gewann.

Um es klar zu sagen: Eine Heilige namens Kümmernis hat es nie gegeben. Die Geschichte ist vielmehr der Versuch, sich Bildwerke zu erklären, die man in ihrer wahren Herkunft und Bedeutung nicht mehr verstand. Von der Antike bis ins 13. Jahrhundert hatte man in der Kunst den gekreuzigten Christus oft als König und Sieger über den Tod dargestellt. In diesen Bildwerken trug er Krone und ein langes, meist purpurfarbenes Königsgewand. (Der kostbare Schurz des Gekreuzigten beim Schaftlacher Kreuz deutet das zumindest an.) Im späteren Mittelalter, als bei den Kruzifixen Leiden und Wunden Christi betont wurden, konnte man sich – vor allem nördlich der Alpen – die Krone nur mit einer königlichen Person und das lange Gewand als Frauenkleid erklären. Für den im Kontrast dazu stehenden Vollbart brauchte es dann zur Begründung die Wundergeschichte.

Bekanntester Vertreter des Kruzifix-Typus, der zu dieser phantasievollen Deutung anregte, ist der so genannte „Volto Santo“ (Heiliges Antlitz) im Dom von Lucca in der Toskana, eine eindrucksvolle Schnitzarbeit aus dem späten 12. Jahrhundert. Geographisch deutlich näher liegt uns die alte Pfarrkirche von Neufahrn bei Freising. Hier wurde und wird ein altehrwürdiges Kruzifix dieses Typs verehrt, lange sogar als Gnadenbild. Erst um 1600 verband man es mit der Kümmernis-Legende, und Neufahrn wurde in der Folge Zentrum der süddeutschen Kümmernis-Verehrung. So ist es sicher kein Zufall, dass die beiden Gmunder Kümmernis-Bilder (und ein ähnliches Exemplar in Elbach) aus dem frühen 17. Jahrhundert stammen. Etwas jünger ist ein Bild in Bergham (Pfarrei Otterfing) und ein richtiger Nachzügler eine Kümmernis-Tafel in Roggersdorf (Pfarrei Holzkirchen) von 1846.

Kapelle in Festenbach

Die Kapelle in Festenbach soll 1649 erbaut worden sein; 1799 wurde sie zur heutigen Größe erweitert. Sie ist der Schmerzhaften Gottesmutter gewidmet, auch wenn man sie heute meist als Leonhards-Kapelle kennt.

 

 

 Natürlich kann man heute die Legendengestalt der „heiligen Kümmernis“ nicht mehr ernsthaft verehren. Schon im 18. Jahrhundert wurde ihr Kult ja eingeschränkt, und mittlerweile dürfte er völlig erloschen sein. Aber: Man sollte Bild und Kult auch nicht einfach als kunstgeschichtliche Rarität an die Kirchenwand hängen oder als frömmigkeitsgeschichtliche Kuriosität zu den Akten legen. Man kann es machen wie die Neufahrner, die ihr Kruzifix heute wieder als das verehren, was es ursprünglich sein sollte: Veranschaulichung des Grundparadoxes christlichen Glaubens, dass Jesus durch seinen Tod den Tod überwunden hat.

Vielleicht könnte man diesen Gedanken in Festenbach oder Georgenried sogar einmal in einer Andacht thematisieren. Und vielleicht finden sich dazu auch Geiger(innen), die ihrer einstigen Patronin aufspielen.

Roland Götz

Fotos: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege